Verstehen westliche Medien den Islam
oder stellen sie ihn falsch dar? Wie ist es um Demokratie
und Meinungsfreiheit in muslimischen Ländern bestellt?
Deutsche und indonesische Journalisten trafen sich in Jakarta,
um diese Fragen zu debattieren.
Ein indonesisch-deutscher Dialog über den
Islam ist wichtig, das wird schnell klar beim ersten Treffen
deutscher und indonesischer Journalisten Anfang März
in Jakarta. Die Darstellung des Islam in den deutschen Medien
sei „verzerrt und von Unkenntnis geprägt“,
zitiert der deutsche Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr.
Martin Löffelholz zum Auftakt der zweitägigen Konferenz
eine aktuelle Studie über die Wahrnehmung des Islam in
Deutschland, die das Essener Zentrum für Türkeistudien
erarbeitet hat. Laut der Studie dominiert eine besonders konflikt-
und gewaltorientierte Darstellung des Islam. Auch über
Themen wie „Ehrenmorde“ oder mangelnde Bildung,
die nicht muslimischer, sondern gesellschaftlicher Natur seien,
würde nur im Kontext des Islam berichtet.
Das Stuttgarter Institut
für Auslandsbeziehungen und das Auswärtige Amt
wollen gegensteuern: Sie haben mehrere Dutzend deutsche Journalisten
und Kommunikationswissenschaftler eingeladen, mit indonesischen
Kollegen über „Islam, Demokratie und Medienfreiheit“
zu diskutieren. Ähnliche Dialoge gibt es seit einigen
Jahren zwischen deutschen und arabischen Medienprofis. Nun
soll Indonesien, das Land mit den meisten muslimischen Einwohnern
der Welt, das für eine moderate Ausprägung des Islam
bekannt ist, deutschen Journalisten helfen, ihr Islambild
zu korrigieren. „In den Medien wird immer wieder die
Frage aufgeworfen, ob der Islam unsere Demokratie bedrohe,
es wird von einer schleichenden Islamisierung Deutschlands
geschrieben. Dabei wird behauptet, das Problem sei der Islam
selbst“, erklärt Martin Kobler, Leiter der Abteilung
Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amts zur Eröffnung
der Konferenz. „Ich habe das Gefühl, dass die Lage
sich gerade verhärtet“. Gerade Indonesien biete
„gute Voraussetzungen, in diese Verhärtung einzugreifen“.
Der Karikaturenstreit und die Pressefreiheit
Allerdings ist der Islam auch zwischen moderaten
Indonesiern und deutschen Medienprofis ein Reizthema. Besonders
die Debatten um die Medienberichterstattung über die
dänischen Mohammed-Karikaturen und die Frage, ob muslimische
Frauen ein Kopftuch tragen sollten, provozieren emotionale
Reaktionen von beiden Seiten. Uni Zulfiana Lubis von der Vereinigung
der Privatfernsehsender Indonesiens wirft den westlichen Medien
im Karikaturenstreit „mangelnde Sensibilität“
vor.
„Ich verstehe nicht, warum die westlichen
Medien nicht aus ihren Fehlern lernen“, sagt auch der
Kommunikationswissenschaftler Deddy Mulyana von der Universität
Bandung. Nach den empörten Reaktionen aus der muslimischen
Welt auf den ersten Abdruck der Mohammed-Karikaturen hätten
die westlichen Medien Rücksicht auf die Gefühle
der Muslime nehmen und sie nicht weiter drucken sollen, so
die Forderung. Es müsse eine Kontrollinstanz geben, die
über derartige Vorgänge wache. Außerdem wäre
eine Entschuldigung angebracht gewesen, so Mulyana. Muslime
seien nämlich emotionaler als Nichtmuslime. Auf solche
Äußerungen reagieren wiederum die deutschen Teilnehmer
leidenschaftlich: Die deutsche Auffassung von Objektivität
und Pressefreiheit sei mit autoritären Forderungen nach
Kontrolle nicht vereinbar.
Die Kopftuchfrage
Das große Interesse der Deutschen an der
Kopftuchfrage stößt hingegen auf Unverständnis
der Indonesier. „Die Kritik am Kopftuch macht Muslime
wütend, weil Kopftücher nichts mit der Unterdrückung
von Frauen zu tun haben“, stellte Prof. Dr. Azyurmardi
Azra, der frühere Leiter der Staatlichen Islamischen
Universität Syarif Hidayatullah in Jakarta, fest. Auch
die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Siti Musdah Mulia von
der Indonesian Conference on Religion and Peace hält
diese Frage für überbewertet. „Ich trage mein
Kopftuch, weil ich mich sonst nackt fühle“, sagte
sie. Jede Frau solle selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch
tragen wolle.
Islam und Demokratie
Mulia hält es für falsch, dass einige
Regionalregierungen in Indonesien diese Frage gesetzlich regeln
wollen. Die Dezentralisierung habe in Indonesien leider nicht
wie erhofft zu mehr Demokratie in den Regionen geführt.
Die Probleme der jungen indonesischen Demokratie hält
sie jedoch für normal. „Sich für die Demokratie
zu öffnen ist, als ob man ein Fenster aufmacht“,
erklärt Mulia. „Dabei kommt nicht nur frische Luft
herein, sondern eben auch Dreck und Viren“. Solche Probleme
seien kein Zeichen dafür, dass der Islam mit Demokratie
nicht vereinbar sei. Islam und Demokratie seien vielmehr sehr
wohl kompatibel, schließlich seien die Wertschätzung
des Menschen und der Menschenrechte ebenso Grundlage des Islam
wie der Demokratie.
Diese Meinung vertritt auch Franz Magnis-Suseno,
ein Jesuitenpriester aus Deutschland, der seit 40 Jahren in
Indonesien lebt und forscht. „Es gibt in Indonesien
viele Probleme mit der Demokratie, aber der Islam gehört
nicht dazu“, sagt er. Korruption, soziale und wirtschaftliche
Instabilität seien nicht eine Folge des Islam, sondern
vielmehr Folge eines missglückten Übergangs von
traditionellen zu modernen Gesellschaftsstrukturen. Auch dem
Terrorismus liegt laut Magnis-Suseno nicht der Islam zu Grunde,
sondern politische und wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit.
Die Lobbyarbeit der Extremisten
Ishadi SK vom Sender Trans TV räumt ein,
dass kleine Extremistengruppen durch ihre aktive Lobbyarbeit
die Freiheit der indonesischen Medien bedrohten. Anders als
in Deutschland seien in Indonesien auch physische Angriffe
von Interessengruppen auf Redaktionen und Journalisten nicht
ungewöhnlich. Mit ihrer Lobbyarbeit prägten die
Extremisten auch das Bild des Islam in den westlichen Medien,
erklärt Mulyana.
Alle indonesischen Sprecher betonen, extremistische
Gruppen seien in Indonesien zahlenmäßig unbedeutend.
In den Medien seien sie allerdings sehr präsent, so dass
ein „falsches Bild des Islam in der Welt“ vermittelt
werde, so Mulyana.
Aufklärung und Recherche
Kobler verlangt, dass Muslime die westliche Seite
aufklären. Mulyana hält das für schwierig.
Muslime seien eben keine PR-Profis. Westliche Journalisten
müssten wissen, dass der Islam vielfältig ist und
verschiedene Seiten darstellen, fordert er. Sie müssten
die Quellen kennen und sich nicht nur auf die Aussagen muslimischer
Handlungsträger verlassen.
Bei allen Konfrontationen sind sich die deutschen
und indonesischen Journalisten in einem einig: Guter und unabhängiger
Journalismus wird im Alltag weniger von der Lobbyarbeit extremistischer
Gruppen bedroht als von praktischen, wirtschaftlichen und
politischen Zwängen, von mangelnder Ausbildung und schlechter
Bezahlung vieler Journalisten.
Einigkeit besteht auch darüber, dass
der erste Mediendialog in Jakarta nur der Auftakt für
eine engere Verknüpfung der Medienprofis beider Länder
ist. In den zweitätigen Debatten, die auch in den Pausen
mit großem Engagement weitergeführt wurden, seien
einige Fragen beantwortet, aber noch viel mehr aufgeworfen
worden, sagt ein Konferenzteilnehmer am Ende. Eine Fortsetzung
des Dialogs wird nun geplant – vielleicht im kommenden
Jahr in Deutschland.
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