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Donnerstag, 3. April 2008

"MUSLIME SIND KEINE PR-PROFIS"

Verstehen westliche Medien den Islam oder stellen sie ihn falsch dar? Wie ist es um Demokratie und Meinungsfreiheit in muslimischen Ländern bestellt? Deutsche und indonesische Journalisten trafen sich in Jakarta, um diese Fragen zu debattieren.

Ein indonesisch-deutscher Dialog über den Islam ist wichtig, das wird schnell klar beim ersten Treffen deutscher und indonesischer Journalisten Anfang März in Jakarta. Die Darstellung des Islam in den deutschen Medien sei „verzerrt und von Unkenntnis geprägt“, zitiert der deutsche Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Martin Löffelholz zum Auftakt der zweitägigen Konferenz eine aktuelle Studie über die Wahrnehmung des Islam in Deutschland, die das Essener Zentrum für Türkeistudien erarbeitet hat. Laut der Studie dominiert eine besonders konflikt- und gewaltorientierte Darstellung des Islam. Auch über Themen wie „Ehrenmorde“ oder mangelnde Bildung, die nicht muslimischer, sondern gesellschaftlicher Natur seien, würde nur im Kontext des Islam berichtet.

Das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen und das Auswärtige Amt wollen gegensteuern: Sie haben mehrere Dutzend deutsche Journalisten und Kommunikationswissenschaftler eingeladen, mit indonesischen Kollegen über „Islam, Demokratie und Medienfreiheit“ zu diskutieren. Ähnliche Dialoge gibt es seit einigen Jahren zwischen deutschen und arabischen Medienprofis. Nun soll Indonesien, das Land mit den meisten muslimischen Einwohnern der Welt, das für eine moderate Ausprägung des Islam bekannt ist, deutschen Journalisten helfen, ihr Islambild zu korrigieren. „In den Medien wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob der Islam unsere Demokratie bedrohe, es wird von einer schleichenden Islamisierung Deutschlands geschrieben. Dabei wird behauptet, das Problem sei der Islam selbst“, erklärt Martin Kobler, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation des Auswärtigen Amts zur Eröffnung der Konferenz. „Ich habe das Gefühl, dass die Lage sich gerade verhärtet“. Gerade Indonesien biete „gute Voraussetzungen, in diese Verhärtung einzugreifen“.

Der Karikaturenstreit und die Pressefreiheit

Allerdings ist der Islam auch zwischen moderaten Indonesiern und deutschen Medienprofis ein Reizthema. Besonders die Debatten um die Medienberichterstattung über die dänischen Mohammed-Karikaturen und die Frage, ob muslimische Frauen ein Kopftuch tragen sollten, provozieren emotionale Reaktionen von beiden Seiten. Uni Zulfiana Lubis von der Vereinigung der Privatfernsehsender Indonesiens wirft den westlichen Medien im Karikaturenstreit „mangelnde Sensibilität“ vor.

„Ich verstehe nicht, warum die westlichen Medien nicht aus ihren Fehlern lernen“, sagt auch der Kommunikationswissenschaftler Deddy Mulyana von der Universität Bandung. Nach den empörten Reaktionen aus der muslimischen Welt auf den ersten Abdruck der Mohammed-Karikaturen hätten die westlichen Medien Rücksicht auf die Gefühle der Muslime nehmen und sie nicht weiter drucken sollen, so die Forderung. Es müsse eine Kontrollinstanz geben, die über derartige Vorgänge wache. Außerdem wäre eine Entschuldigung angebracht gewesen, so Mulyana. Muslime seien nämlich emotionaler als Nichtmuslime. Auf solche Äußerungen reagieren wiederum die deutschen Teilnehmer leidenschaftlich: Die deutsche Auffassung von Objektivität und Pressefreiheit sei mit autoritären Forderungen nach Kontrolle nicht vereinbar.

Die Kopftuchfrage

Das große Interesse der Deutschen an der Kopftuchfrage stößt hingegen auf Unverständnis der Indonesier. „Die Kritik am Kopftuch macht Muslime wütend, weil Kopftücher nichts mit der Unterdrückung von Frauen zu tun haben“, stellte Prof. Dr. Azyurmardi Azra, der frühere Leiter der Staatlichen Islamischen Universität Syarif Hidayatullah in Jakarta, fest. Auch die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Siti Musdah Mulia von der Indonesian Conference on Religion and Peace hält diese Frage für überbewertet. „Ich trage mein Kopftuch, weil ich mich sonst nackt fühle“, sagte sie. Jede Frau solle selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen wolle.

Islam und Demokratie

Mulia hält es für falsch, dass einige Regionalregierungen in Indonesien diese Frage gesetzlich regeln wollen. Die Dezentralisierung habe in Indonesien leider nicht wie erhofft zu mehr Demokratie in den Regionen geführt. Die Probleme der jungen indonesischen Demokratie hält sie jedoch für normal. „Sich für die Demokratie zu öffnen ist, als ob man ein Fenster aufmacht“, erklärt Mulia. „Dabei kommt nicht nur frische Luft herein, sondern eben auch Dreck und Viren“. Solche Probleme seien kein Zeichen dafür, dass der Islam mit Demokratie nicht vereinbar sei. Islam und Demokratie seien vielmehr sehr wohl kompatibel, schließlich seien die Wertschätzung des Menschen und der Menschenrechte ebenso Grundlage des Islam wie der Demokratie.

Diese Meinung vertritt auch Franz Magnis-Suseno, ein Jesuitenpriester aus Deutschland, der seit 40 Jahren in Indonesien lebt und forscht. „Es gibt in Indonesien viele Probleme mit der Demokratie, aber der Islam gehört nicht dazu“, sagt er. Korruption, soziale und wirtschaftliche Instabilität seien nicht eine Folge des Islam, sondern vielmehr Folge eines missglückten Übergangs von traditionellen zu modernen Gesellschaftsstrukturen. Auch dem Terrorismus liegt laut Magnis-Suseno nicht der Islam zu Grunde, sondern politische und wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit.

Die Lobbyarbeit der Extremisten

Ishadi SK vom Sender Trans TV räumt ein, dass kleine Extremistengruppen durch ihre aktive Lobbyarbeit die Freiheit der indonesischen Medien bedrohten. Anders als in Deutschland seien in Indonesien auch physische Angriffe von Interessengruppen auf Redaktionen und Journalisten nicht ungewöhnlich. Mit ihrer Lobbyarbeit prägten die Extremisten auch das Bild des Islam in den westlichen Medien, erklärt Mulyana.

Alle indonesischen Sprecher betonen, extremistische Gruppen seien in Indonesien zahlenmäßig unbedeutend. In den Medien seien sie allerdings sehr präsent, so dass ein „falsches Bild des Islam in der Welt“ vermittelt werde, so Mulyana.

Aufklärung und Recherche

Kobler verlangt, dass Muslime die westliche Seite aufklären. Mulyana hält das für schwierig. Muslime seien eben keine PR-Profis. Westliche Journalisten müssten wissen, dass der Islam vielfältig ist und verschiedene Seiten darstellen, fordert er. Sie müssten die Quellen kennen und sich nicht nur auf die Aussagen muslimischer Handlungsträger verlassen.

Bei allen Konfrontationen sind sich die deutschen und indonesischen Journalisten in einem einig: Guter und unabhängiger Journalismus wird im Alltag weniger von der Lobbyarbeit extremistischer Gruppen bedroht als von praktischen, wirtschaftlichen und politischen Zwängen, von mangelnder Ausbildung und schlechter Bezahlung vieler Journalisten.

Einigkeit besteht auch darüber, dass der erste Mediendialog in Jakarta nur der Auftakt für eine engere Verknüpfung der Medienprofis beider Länder ist. In den zweitätigen Debatten, die auch in den Pausen mit großem Engagement weitergeführt wurden, seien einige Fragen beantwortet, aber noch viel mehr aufgeworfen worden, sagt ein Konferenzteilnehmer am Ende. Eine Fortsetzung des Dialogs wird nun geplant – vielleicht im kommenden Jahr in Deutschland.


Juliane Gunardono
© 2001-2010 Botschaft der Republik Indonesien in Berlin - Deutschland